
Mit dem Ziel im Auge, die moderne und die traditionelle Erzählweise und Behandlung von Inhalten in der Literatur zu verstehen, lasen wir die Novelle "Ein Doppelgänger" von Theodor Storm, die Kurzgeschichte "das Urteil" von Franz Kafka sowie den Roman "Radetzkymarsch" von Joseph Roth. Die traditionelle Erzählweise wird durch eine überpoetisierte Sprache, eine stabile Erzählinstanz und Wirklichkeitsgestaltung sowie einen klassischen Helden, der als fester Charakter die Welt um sich prägt, definiert. Diese traditionellen Merkmale sollten wir in "Ein Doppelgänger" erlernen. Kafkas "Urteil" vertritt als Stereotyp der modernen Literatur das Gegenteil: ein willkürlich handelnder, vom Milieu-geprägten Protagonist, eine nicht mehr vertrauenswürdige Erzählinstanz, eine nicht kohärente Wirklichkeitsgestaltung und eine einfache, dem Berichten ähnelnde Sprache. Der Unterschied zwischen der literarischen Moderne und Tradition ist hierbei, nicht wie umgangssprachlich verwendet, zeitlich, sondern eben in diesen Merkmalen. Dies ist auch bei "Radetzkymarsch" ersichtlich, der 1932 bereits in der literarischen Moderne veröffentlicht wurde. So ist der "Radetzkymarsch" weder klar modern noch traditionell, der Roman enthält Aspekte von beiden. Die Autoren, in diesem Fall Joseph Roth, konstruieren ihre Geschichten nicht nach diesen Modellen. Im Gegenteil, die Modelle entstehen durch die Analyse verschiedener Elemente dieser Geschichten.
Auch wenn es Mischformen gibt, die sich eben nicht klar in diesen Modellen einordnen lassen, ist die Unterscheidung zwischen Moderne und Tradition in der Literatur, gerade wegen des signifikanten Unterschiedes, sinnvoll. Die Moderne erhebt durch ihre komplexere Funktionsweise sowie ihre längere Auseinandersetzung mit der Sprache den Anspruch von Überlegenheit. Die Moderne entstand auch genau deshalb, weil in der Sicht moderner Autoren die Tradition aus der Zeit gekommen sei. Es kommt also zum Konflikt zwischen der Tradition und der Moderne, und in unserer Gewohnheit setzt sich die Moderne durch. Dies eben weil das Moderne als neu und damit als Verbesserung angesehen wird. Während die Gleichung Modern gleich neu sprachlich korrekt ist, gilt das Gegenteil, also das Tradition das Alte ist, nicht wirklich. Die Tradition wird vom Duden definiert als: "etwas, was im Hinblick auf Verhaltensweise, Ideen, Kulturen o.Ä., von Generation zu Generation (innerhalb einer bestimmten Gruppe) weiterentwickelt und weitergegeben wurde." Die Weiterentwicklung und damit die Anpassung an den eigenen Gewohnheiten dieser Verhaltensweisen, also der Traditionen selbst, ist das entscheidende Glied damit diese Verhaltensweisen von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Dürfen Traditionen also beliebig der eigenen wohltuenden Gewohnheit angepasst werden? Der Aktualität entsprechend würden diese Anpassungen gerade im Bereich der Inklusion passieren. Ich will nun versuchen, einen Ansatz einer Antwort herzuleiten. Um etwas als Tradition zu etablieren, muss der grössere Teil einer bestimmten Gruppe diese übernehmen. Somit könnten solche Anpassung, rein theoretisch, frei von einer Gruppe bestimmt werden. Um zu verstehen, wie sich das in der Praxis auslebt, stellt sich die Frage, welche Bedeutung Traditionen überhaupt in unserer Gesellschaft haben. Traditionen geben uns Stabilität und Sicherheit, in einer eben instabilen Welt. Sie leisten Orientierung in einer sich verändernden Umgebung. Traditionen schaffen Identifikationsmöglichkeiten und dadurch stärken sie das Gemeinschaftsgefühl. Eine Gemeinschaft kann sich durch Traditionen definieren, dies schafft aber auch Konflikte. Wir hängen uns aber vor allem an Traditionen, weil wir Angst vor Veränderung haben. Der momentane Zustand will bewahrt werden, und da ist Tradition eine einfache Argumentationsmöglichkeit. Auch die kleinsten, unwahrscheinlichsten Dinge in einer beliebig kleinen Gruppe können Traditionen sein, die wir bewahren wollen, um die Gruppe nicht zu verlieren und durch die selben Verhaltensmuster, wie sie in der mit Nostalgie verbundenen Vergangenheit gemacht wurden, wieder zur Blütezeit der Vergangenheit zurückzukehren. Wir wehren uns also automatisch gegen Anpassungen in Traditionen, um diese und die damit verbundene Zeit nicht zu verlieren.
Geschlechterspezifische Traditionen, wie "Chalandamarz" in Graubünden, das Ausleuten des Winters mit Kuhglocken, wie beschrieben in der Kindergeschichte "Schellenursli", in denen die Jungen lange die Hauptrollen einnahmen und die Mädchen in traditioneller Manier ein Bankett für die Jungen vorbereiten, werden nun aufgebrochen. Wenn die Opposition dieser Idee hier aber mit dem "Wir haben es aber immer so gemacht"-Argument kommt, ist die Tradition viel mehr auf die traditionellen Geschlechterrollen, der Mann am Arbeiten, die Frau zuhause, bezogen, als auf die Tradition des Glockenläutens. Denn dieser Brauch, diese von Generation zu Generation weitergegebene kulturelle Verhaltensweise, liegt im Kern doch darin, den Winter zu vertreiben, den Frühling und zusammen das Fest zu feiern, und nicht in der Erhaltung traditioneller Geschlechterrollen. An diesem Punkt sollte ich auch nicht mehr von "traditionellen" Geschlechterrollen, sondern von altmodischen Geschlechterrollen, sprechen, da spätestens unsere Generation diese Verhaltensweisen nicht mehr weitergeben will. Diejenigen, die ein Problem mit solchen Anpassungen haben, fürchten sich eben genau vor der Veränderung oder sind sexistisch. Diese Feststellungen sollen nun aber nicht bedeuten, dass die Leitfäden der Tradition wie lästige Fesseln durchrissen werden sollen und jeglicher Sinn für Kultur und Geschichte eines Volkes missachtet werden. Die Leitfäden der Tradition sollen nur nicht andere fesseln, sondern einen Weg mit Sicherheit und Stabilität markieren und mit Stolz von allen zelebriert werden. Dieser anfangs angetönter Konflikt zwischen Moderne und Tradition kann also gar nicht geführt werden, da sozusagen Äpfel mit Birnen verglichen werden. Der Konflikt ist genauso unsinnig, wie der Titel dieses Blogs: Sie sind nur da, um zu provozieren. So sollen die Glocken in Graubünden jeden Frühling erklingen, egal ob sie von den Hälsen von Kühen oder in den Finger von Mädchen gehalten werden.