
Im Zusammenhang mit Holocaustliteratur lasen wir im Deutschunterricht Umberto Ecos Text "Der ewige Faschismus". Umberto Eco wuchs während der Diktatur des "Duce" Benito Mussolini in Italien auf und erlebte sowohl den Faschismus als auch die Befreiung hautnah mit. Mit dem Begriff Faschismus wird eigentlich die Diktatur Mussolinis in Italien bezeichnet, in unserer modernen Verwendung ist er aber zu einem Sammelbegriff verkommen, mit dem verschiedene rechte Diktaturen zusammengefasst werden: Francos Falangismus, Mussolinis Faschismus, Hitlers Nationalsozialismus, aber auch Japan zur Zeit des letzten Kaisers. Der Faschismus ist laut Wikipedia ein totalitäres, autoritäres und nationalistisches System. Doch Eco macht darauf aufmerksam, dass diese Systeme teilweise kaum unterschiedlicher sein könnten: "Das faschistische Spiel lässt sich auf vielerlei Weise spielen, und der Name des Spiels bleibt der gleiche."
"Der ewige Faschismus", er nennt ihn auch den Ur-Faschismus, sind die Merkmale des Faschismus, die in jeder Spielform vorkommen. Die wichtigsten Gemeinsamkeiten zwischen allen faschistischen Systemen will ich kurz erläutern. Eines der Grundprinzipien des Faschismus sei der Synkretismus, die Vermischung verschiedener Religionen, Glaubens- oder Kultformen, die alle, insbesondere durch ihre Widersprüche, auf die eine Ur-Wahrheit hindeuten. Die Widersprüche seien verschiedene Interpretationen der Ur-Wahrheit, was die Ur-Wahrheit noch einmal in sich stärkt. Da es eine Ur-Wahrheit gibt, ist im faschistischen Verständnis Wissenschaft, Forschung oder Bildung sinnlos. Tatsächlich macht der Faschismus alles, um Bildung zu verpönen, zu degradieren und unzugänglich zu machen. Die Sprache wird limitiert und angepasst, um ausführliche und komplexe Auseinandersetzungen zu verunmöglichen. Gebildete Menschen werden angeprangert und als elitäres Feindbild des normalen Volks konstruiert. Das Volk ist eine (in)homogene Konstruktion des Faschismus, die gegen die Armen, Arbeitslosen und Schwachen, und auch gegen die Gebildeten und Reichen ist. Der Faschismus schafft jede Menge Widersprüche. Unser Lehrer betitelte den Faschismus als "grundsätzlich selbstzerstörend und daher nicht überlebensfähig".
Die Frage, ob der Faschismus auch aus dem linken politischen Spektrum kommen könnte, bejahte unser Deutschlehrer. Eine definitiv umstrittene Aussage, da viele linke, politische Versammlungen selbst angeben, in einem antifaschistischen Gedanken entstanden zu sein.
Kann also ein linkes Regime auch faschistisch sein, oder bleibt diese Zuschreibung bloss rechten Systemen vorbehalten? Die Merkmale des Ur-Faschismus von Eco beziehen sich eindeutig und absichtlich nicht auf eine politische Ausrichtung wie links oder rechts. Sie sind eben die Merkmale eines faschistischen Staates, der durch diese Merkmale den Faschismus am Leben erhält. Die Sowjetunion unter Stalin oder Breschnew funktionierte nach den gleichen Merkmalen wie Nazi-Deutschland: denen des Ur-Faschismus. Die Sowjetunion lehnte freie Bildung ab, unterdrückte Systemkritiker und heroisierte den Tod. Die Sowjetunion brauchte den Konflikt mit ihren Feinden und indoktrinierte ihrer Bevölkerung auch, dass sie als überlegenes Volk - interessanterweise war dies vor allem ein Kampf zwischen den Systemen, sie sahen also ihr System als überlegen an - den Endkampf gewinnen könnte. Diese ur-faschistischen Merkmale waren und sind auch der DDR, dem maoistischen China oder den Kim-Regimen in Nordkorea zuzuschreiben. Faschismus ist also nichts Rechtes, sondern eine spezifische Herrschaftsform gegen alle demokratischen Prinzipien. Dieselben demokratischen Prinzipien, die durch jeglichen Extremismus bedroht werden.
Diese Feststellung sollte aber keineswegs eine Diskussion verändern. Nur weil der Faschismus auch links sein kann, ist er nicht zu rechtfertigen, von keiner Seite. Diese Feststellung relativiert nichts. Wenn man von den Gefahren des Linksextremismus spricht, tut es nichts zur Sache, dass es auch Rechtsextremismus gibt, und umgekehrt. Gerade in Hinsicht auf die antifaschistische Bewegung (Antifa) ist das eine interessante Feststellung, da sie eine linke bis linksextreme Bewegung ist, die in ihrem Kern aussagt, dass sie gegen den Faschismus ist. Wichtig klarzustellen ist, dass der Antifaschismus keine Bewegung, sondern eine Mentalität eines jeden Demokraten sein muss, da der Faschismus im Kern gegen die Demokratie und gegen die Menschlichkeit ist. Die Antifa an sich aber ist eine existierende, zwar nicht zentral organisiert, linksradikale Ansammlung. In unseren Köpfen entsteht durch die Antifa eine Gleichstellung zwischen Links und Antifaschismus. Die Selbstverständlichkeit der Antifa lässt also gar nicht zu, dass Linke oder gar die Antifa selbst faschistisch sein könnte.
Sich diesen Vergleich aber noch ein zweites Mal zu überlegen, ist definitiv lohnenswert. Denn auch die Antifa hat eine synkretistische Funktionsweise. Der Synkretismus entsteht nicht durch die Vermischung von Kulturen, sondern durch die Ansammlung verschiedener linker Untergruppen (LGBTQAI+, Pro-Palästina-Demonstranten, Marxisten, Klimaschützer, Anarchisten), die allesamt verschiedene "Interpretationen" der Ur-Wahrheit, hier die eigene moralische Überlegenheit durch politische Korrektheit, bilden. Diese Vermischung ist auch hier widersprüchlich, wie zum Beispiel die Vermischung von Transrechten mit der Befürwortung eines islamistischen Staates, was aber eben ein Merkmal des Faschismus ist. Kritik wird durch die konstruierte moralische Überlegenheit ausgeblendet. So wird ironischerweise die Bezeichnung "Faschist" als unbesiegbares Argument zur Diffamierung des Gegenübers verwendet, häufig auch, ohne dass die Bezeichnung wirklich stimmt. Das wiederholte gewaltbereite Auftreten von vermummten Protestierenden erinnert dann schon an faschistische Versammlungen, wie die Brigate Nere (die Schwarze Garde), wohl die radikalste und brutalste Gruppierung des italienischen Faschismus. Gerade auch der Antisemitismus in solchen Versammlungen, die konkret jüdische Feindbilder konstruieren, die denen der Nazis sehr nahe sind, führt zu einer solchen Vermutung.
Ich will der Antifa mit diesen Text keinen Faschismus zuschreiben. Der Text soll aber zeigen, wie nahe diese Sammelbecken durch ihre Methoden an ihren eigentlichen Gegner gerückt ist. Und um es noch einmal zu sagen, Antifaschismus ist der Grundpfeiler einer Demokratie, da der Faschismus im Kern antidemokratisch ist. Der Vorwand, antifaschistisch zu sein, reicht aber nicht, um das eigene Verhalten universell zu rechtfertigen. Das faschistische Spiel kann auf vielerlei Weise und von jedem gespielt werden. Also auch von denen, die eigentlich dagegen kämpfen wollen.