Was ist die Absicht des Deutschlehrers, wenn er uns mitten im Unterricht bittet, auf die Tische zu stehen, und uns dreimal um die eigene Achse zu drehen? Natürlich nutzt er diesen Moment, um seine Einführung zur gelesenen Lektüre «Maria Stuart» von Friedrich Schiller zu machen. Denn eines der entscheidenden Prinzipien im historisch basierten Drama der Weimarer Klassik sind Machtstrukturen. Und was gibt es Besseres als Demonstration der Macht, als eine gesamte Klasse nach seiner Nase tanzen zu lassen? Und was verleiht dem Lehrer die Macht, der eigentlich überlegenen Klasse Befehle und Aufgaben zu verteilen? Ist es nicht die Mehrheit, die Masse, gerade in einer Demokratie, welche die Macht besitzen soll?
In unseren Diskussionen während des Unterrichts gab es die gemeinsame Konklusion, dass Macht in vielen Formen zu Tage kommt. Ob es die Macht der Lehrperson über die Schüler, die Macht des Staates durch Gesetze, Wissen als Macht oder auch die Macht von Frauen, wie Maria Stuart im gleichnamigen Drama, über Männer, Macht schafft immer Hierarchien, es gibt immer den Mächtigen und den Machtlosen. Doch was ist Macht? In der kleinen Demonstration unseres Deutschlehrers ist die Macht vor allem durch sein Auftreten und den dadurch verdienten Respekt gesichert. Weiter wurde besprochen, dass es Gesetze des Staates gibt, welche einer Lehrperson Macht verleihen. Dann fiel das Argument, dass bei unsicherem Auftreten die Lehrperson nicht gleich behandelt wird, sie hat keine Macht über die Schüler. Trotzdem konnten wir diese im begrenzten Rahmen des Unterrichts nicht endgültig beantworten. Wichtig für die Diskussion ist die Rolle des Volkes. Im Umfang der Besprechung der Lektüre zogen wir das Fazit, dass das Volk eine Legitimierungsform der Mächtigen für ihre Macht und Entscheidungen ist.
Da ich beim Verfassen dieses Blogs keinen begrenzten Rahmen habe, kann ich versuchen die Frage, was Macht ist und wie sie entsteht, ausführlicher zu beantworten. In der Zeit als noch der Körperbau eines Menschen ausschlaggebend für sein Überleben und seinen Stand in der Gemeinschaft war, war der Stärkste oder der beste Kämpfer der Mächtigste. Es gab auch keine Möglichkeit für jemand anderen, diesen seiner Macht zu entnehmen. Mit der Schaffung von Gesetzen gab es dann spätestens im alten Rom die Möglichkeit, jeden seiner Macht zu entrauben. Obwohl die Stärke immer noch eine Rolle spielte, war niemals der beste Krieger Konsul, sondern der gewiefteste Politiker und der intelligenteste Stratege. Heute sind die Mächtigen weder die klügsten noch die stärksten. Die Regierenden sind weder Wissenschaftler noch Kampfsportler. Wenn man in einer Demokratie Macht will, braucht man Überzeugungskraft, nicht durch logische Argumente, sondern durch populistische und emotionale Reden, welche das Volk überzeugen. Ob die politischen Herrscher wirklich die mächtigsten sind, und nicht die Reichen oder Lobbyisten, lassen wir hier aussen vor.
«Die Macht wohnt dort, wo die Menschen glauben, dass sie wohnt.»
~Game of Thrones, Staffel 3, Episode 6, Ausgestrahlt von HBO
Die Anforderung, um Macht zu erhalten, haben sich also verändert. Doch gerade heute haben noch nie so wenige über so viel Macht verfügt. Während in einer direkten Demokratie wie in der Schweiz die Macht der Entscheidung tatsächlich bei der Bevölkerung liegt, lässt sich die Frage stellen, warum in anderen Nationen sich das Volk nicht die Macht krallt. Das Volk ist immer die Mehrheit, es hat nach jeglichen Regeln des Überlebens die Macht. Der einzige Grund, warum jemand Macht haben kann, ist, weil das Volk es zulässt. Ohne diese stille Zustimmung der Bevölkerung könnte kein Herrscher herrschen. Die Macht eines Herrschers ist nichts als eine Illusion. Gerade weil die Bevölkerung glaubt, dass jemand Macht hat, ist derjenige dann auch mächtig. Das Volk verleiht die Macht, und es nimmt sie weg. Wenn sich das Volk vereint gegen einen Herrscher auflehnt, kann dieser nichts dagegen machen. Wenn also Macht eine Illusion ist, und sie immer dort zu finden ist, wo Menschen glauben, dass sie ist, liegt die eigentliche Macht bei der Masse, beim Volk, da sie ja entscheiden, wer Macht hat. Egal ob eine Monarchie, eine Demokratie oder eine Diktatur, ein Herrscher braucht die Unterstützung des Volkes. Auch in Maria Stuart wird Macht durch das Volk verliehen, da ohne die Legitimierung des Volkes Elisabeth I. keine Macht hätte. Elisabeth benutzt das Volk als Rechtfertigung für ihre Entscheidungen, so wie ganz viele Herrscher nach ihr. Diese Rechtfertigung geht aber in beide Richtungen: Die Argumentation, das man die Unterstützung des Volkes hat, kann gebraucht werden um mehr Beliebtheit zu erlangen. Es ist ein Kreis, welcher eigentlich gar nicht existiert.
Macht ist dort, wo die Masse glaubt, dass sie ist. Wenn das Volk das erkennt, und die Macht sich selbst gibt, gibt es keinen Mächtigen mehr, welcher die Masse kontrolliert. Doch gibt es ohne Macht überhaupt noch Zivilisation? Braucht der Mensch nicht immer eine Hierarchie, damit kein Chaos ausbricht? Worauf könnte man sich auch einigen, wenn es niemanden gibt, der entscheiden kann. Nichtsdestotrotz sollte ein Volk sich nicht tyrannisieren lassen, nur weil es Angst hat, das ohne den Mächtigen ein Chaos ausbricht. Denn wie gesagt, Macht ist dort, wo Menschen glauben, dass sie ist, sie muss nur dem richtigen gegeben werden.