
Es ist still im Klassenzimmer der 8a. Alle sitzen an ihren Ipads, glotzen in die Bildschirme und tippen hastig auf den vier Pfeiltasten herum. Nur Fabio sitzt in einer Ecke und beobachtet seine eigentlich lernenden Klassenkameraden und Kameradinnen. Die Batterie seines Ipads zeigte schon vor einer halben Stunde an, dass es für ihn eine Pause vom digitalen Lernen geben wird. Alle anderen sind auf Onlinegaming Webseiten, kaufen im gesellschaftlich etablierten Überkonsum Kleider ein oder schlagen ihre Zeit mit altersungerechten Kurzvideos tot – auch wenn man sich fragen muss, wie gerecht diese Zeitfresser und Dünger für die systematische Gehirnverrottung für Erwachsene sind. Sobald der Lehrer kommt, wird schnell zum Unterrichtsthema gewechselt und ganz konzentriert dreingeschaut. Auch Fabio macht das normalerweise. Während seiner Pause kann er ruhig nachdenken. Er fragt sich nicht zum ersten Mal, ob diese Neuerung durch die Einführung von Ipads in den Schulunterricht wirklich hilfreich war.
Sein Vater zeigte ihm erst letzte Woche ein Interviewauszug aus der Zeitschrift «Das Magazin», wo ein gewisser Roland Reichenbach als Erziehungswissenschaftler genau diese Neomanie, diese übersteigerte Neigung nach Neuerung, gerade im Bildungssystem, kritisierte. «Das Problem ist, dass das Neue einen prinzipiell guten Ruf hat. Von dieser Neomanie ist auch die Schule geprägt.» (Z. 18f) Fabio hat Ähnliches beobachtet. Selten wird die Neuerung kritisiert. Wenn es Probleme gibt, wird es auf die Lehrpersonen, welche angeblich – und vielleicht wirklich – nicht genug ausgebildet sind. Wie sollen die Lehrpersonen auch genügend ausgebildet werden, wenn es jedes Jahr neue Funktionen, neue schnell zuschnappende Mechanismen, auf dieser digitalen Falle gibt, welche es sofort anzuwenden gilt. Die Lehrpersonen können sich nicht mehr auf den Unterricht und vor allem den Inhalt des Unterrichts konzentrieren, sondern versuchen verzweifelt, die neuen Funktionen einzusetzen und die Klasse davon zu überzeugen, diese Funktionen in einem bildungsfördernden Sinn zu verwenden. Und die Gesellschaft fordert nur noch mehr Veränderung, da das Schulsystem ja veraltet sei und die nächste Digitalisierung das Schulsystem endlich revolutionieren würde.
Fabio mochte den Schulunterricht, wie er in der ersten Klasse war, noch ohne digitale Störmittel, noch konservativ. Er hat das Gefühl, dass er damals deutlich mehr in deutlich kürzerer Zeit lernte. Auch Roland Reichenbach untermauert diesen Umstand. Um grundlegende Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben zu lernen, müsse man Zeit und Übung aufwenden. Eine KI könne diese Zeit nicht verkürzen oder die benötigte Übung ersetzen. Fabio schaut im Klassenzimmer herum. Die Situation hat sich nicht verändert. Alle starren ganz gespannt auf diese wunderbar bunten Bildschirme und warten darauf, dass etwas passiert. Selbst die Wenigen, die dem vorgesehenen Unterricht folgen, haben keine grosse Vorsprünge gegenüber den analog lernenden der früheren Jahrzehnte, nur weil sie mit dem Ipad lernen. Jetzt, wo er so nachdenkt, kann er sich an kein Beispiel erinnern, als er das Ipad seiner Ansicht nach hilfreich einsetzte und etwas gemacht hätte, dass er nicht auch analog hätte machen können. Fabio ist überzeugt davon, dass er durch die Handschrift deutlich mehr Dinge im Kopf behält, als wenn er es in die Tasten schlägt. Verschiedenste Studien unterstützen ihn auch in dieser Überzeugung. So hat das digitale Lernen also schon einen grundlegenden Nachteil gegenüber den konservativen Methoden.
Wenn er sich jedoch selbst anschaut, ist er momentan auch abgelenkt, ohne Ipad. Seine Eltern hätten ja wohl kaum immer im Unterricht aufgepasst, denkt er sich. Auch sie hätten vermutlich aus dem Fenster geschaut, andere Bücher gelesen, gezeichnet oder Spiele mit dem Nachbaren gespielt. Gibt es überhaupt einen Unterschied? Ausserdem sind Computer und den korrekten Umgang damit in den Berufen seiner Eltern, die er erst gerade am Zukunftstag besuchte, unersetzlich. Irgendwie muss man ja auf diese Welt vorbereitet werden, oder?
Er erinnert sich an die Antwort seiner Mutter auf diese Frage. Diese Vorbereitung auf die digitale Arbeitswelt sei wichtig, jedoch würde sie momentan so gemacht werden, dass eine Vorbereitung auf die digitale Schule nötig sei. Auch Roland Reichenbach erklärt, dass die Schule nicht vollständig von den digitalen Medien abweichen sollte. «Sie [die Schule] kann sich nicht von den digitalen Medien lösen, und es wäre dumm, das auch zu fordern. Aber sie kann sich von ihrer Dominanz lösen. Also von ihrer Selbstverständlichkeit und Aufdringlichkeit.» (Z. 23f) Der digitale Unterricht wird als modern und adäquat, aber auch als Zeichen von Wohlstand und Abgrenzung gegenüber der Vergangenheit präsentiert, obwohl er die Schüler ablenkt und überfordert, und ihnen kaum Unterstützung bietet. Fabio weiss von seinem Handy, wie teuer ein solches Gerät ist. Seine Schule mag vielleicht nicht genügend Zimmer für alle Klassen haben, jedoch ist jede Klasse mit zwei Dutzend Ipads ausgestattet. Für ihn wirkt dies wie eine Fehlinvestition.
Fabio ist sich sicher, er wird in Zukunft sorgfältiger mit den digitalen Möglichkeiten umgehen. Er ist sich aber auch sicher, dass er in Zukunft besser aufpassen will, wenn neomanisch argumentiert wird. Denn er weiss, dass das Neue nicht unbedingt besser ist. Und im Gegenteil, das Neue sollte eher noch stärker hinterfragt werden, als das Alte.
Die Glocke läutet die Pause ein. Er blickt auf und will sein Handy hervornehmen, als er es wieder zurück in die Tasche gleiten lässt. Ab jetzt soll die digitale Falle nicht mehr zuschnappen können.